Wie wäre es, frei zu sein?

„Hallo Dominik*, wie geht’s?“ fragt Streetworker René Portmann, als er den 20-Jährigen bei seinem Rundgang durch die Strassen Sissachs trifft. Immer, wenn er Dominik  sieht, fährt ein Stich durch sein Herz. „Welch ein toller Junge, aber wie tief sitzt er in der Patsche“, denkt er und geht auf ihn zu. Die Beiden kennen sich seit einiger Zeit. Auch Dominiks Gefühle ändern sich, wenn er René erblickt. „René“, wenn ich dich sehe, erinnere ich mich daran, dass mein Leben eigentlich anders sein könnte“, stammelt er. Er starrt auf die Bierflasche, die seine Finger umgreifen. René wechselt mit ihm ein paar Worte und vereinbart einen gemeinsamen Ausflug mit ihm. René, der bei der Stiftung Jugendsozialwerk Blaues Kreuz BL als Streetworker arbeitet, weiss, dass kurze und belanglose Gespräche bei Dominik nicht ankommen. Darum schenkt er ihm Zeit und Geduld, was Dominik  wohl als grösste Wertschätzung empfindet. So haben sich die Beiden zum Beispiel schon zu einer Fahrt nach Zürich, zum Grillen oder einem Spaziergang im Wald getroffen. Längst ist René wieder weitergegangen, aber die Begegnung auf der Strasse hallt in Dominik nach: „Ich sollte mit Alkohol und Drogen aufhören“, geht ihm durch den Kopf. „Was ich tue, ist nicht gut.“

Völlige Veränderung durch Psychose
Wie hatte sich Dominik verändert! In nur fünf Jahren stand der ursprünglich smarte Teenager vor den Ruinen seines Lebens: die intensive Alkohol- und Marihuana-Sucht hatte zu einer Psychose geführt. Sein Wesen war völlig verändert. Wie aus heiterem Himmel hatte er manchmal Aussetzer, dann liess er seiner Aggressivität freien Lauf, schlug Sachen kaputt und verprügelte sogar seinen besten Freund. Die Polizei nahm ihn fest und brachte ihn in die Ausnüchterungszelle. Er sehnte sich danach, andere Werte zu bekommen; er wollte endlich wieder Achtung vor sich selber haben.

Hang zum Verbotenen
Er erinnert sich, wie alles anfing: Als er vierzehn war, begann er, Skateboard zu fahren. „Ich kam in die Skaterszene rein und machte Bekanntschaft mit Alkohol und Marihuana. Ich war schon immer ein freiheitsliebender Mensch und hatte einen Hang zum Verbotenen.“ Seine Eltern hatten ihn nach christlichen Wertmassstäben erzogen, aber Dominik  distanzierte sich vom christlichen Glauben. Von einem auf den anderen Tag konsumierte er intensiv Marihuana, auch handelte er mit Drogen, um sein Taschengeld aufzubessern. Vor seinen Eltern verheimlichte er dies. „Als sie es nach einiger Zeit herausgefunden hatten, war es mir egal“, räumt er ein. Mittlerweile stand er zu seinem neuen Lebensstil. Seine Eltern waren traurig und besorgt. Sein Vater warnte ihn vor den Gefahren. Aber Dominik  war gern mit seinen Kollegen zusammen, das Kiffen und Trinken machten Spass.

Nahe am Abgrund
Dominik, der sich noch vor zwei Jahren nach einem Schulwechsel fleissig hinter die Schulbücher geklemmt und fehlenden Lernstoff gebüffelt hatte, verlor plötzlich den schulischen Ehrgeiz. Mit Müh und Not erreichte er den Notendurchschnitt, um zum Gymnasium zugelassen zu werden. Er erläutert: „Ich machte mir keine Gedanken über die Zukunft und die Berufswahl, mir war der Moment wichtig.“ Da ihm aber die Motivation zum Lernen fehlte und ihm wegen seines rebellischen Verhaltens sogar der Schulausschluss drohte, brach er die Schule ab. Auf Drängen des Vaters suchte er sich widerwillig einen Ausbildungsplatz. „Ich kam mir vor, als ob ich nahe am Abgrund stehe. Für einen kurzen Moment kam ich zur Einsicht, dass ich etwas unternehmen sollte“, beschreibt er seine Lage.

Horrortrip
2005 konnte er eine kaufmännische Lehre beginnen. Vom ersten Tag an hatte er Null-Bock. Viel lieber war er mit einem Kollegen zusammen, der mit ihm zusammen die Lehre begonnen hatte. Eines Tages experimentierten sie mit Tabletten. Die Droge hatte mit Alkohol und Marihuana unglaubliche Auswirkungen. Er erinnert sich: „Es war ein Horrortrip. Ich bekam Schüttelfrost, sah Horrorbilder, konnte keinen realen Gedanken mehr fassen. Ich stand lange Zeit vor dem Spiegel und fragte mich: Wer bin ich? Ich hatte Angst.“ Am nächsten Tag war der Spuk vorbei. Alles war wieder normal. Wenige Wochen danach fühlte er sich plötzlich sonderbar. Er war im Büro und hatte das Gefühl, dass ihn alle beobachten. „Es sind so viele Eindrücke auf mich eingeprasselt, die ich nicht kannte.“ Er hielt es nicht länger aus und schloss sich eine Stunde lang im WC ein. Er versuchte, sich zu beruhigen. Aber es wurde schlimmer. Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen, akustische Störungen, andauernde Angstzustände und Wahnideen liessen ihn nicht mehr los. Er redete sich ein, dass dies nur eine kleine Phase sei und trank weiterhin Alkohol und rauchte Marihuana. Später erfuhr er vom Psychiater, dass er unter einer Psychose litt. Doch das wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Mit grösster Mühe ging er weiter zur Arbeit, er konnte sich aber kaum konzentrieren.

Alle Kontakte abgebrochen
Es wurde ihm zu viel: Er beschloss noch im selben Jahr, mit Kiffen aufzuhören. Er berichtet: ,,Ich habe zwar mit dem Kiffen aufgehört, versuchte aber mit noch mehr Alkohol das Kiffen zu kompensieren.‘‘ Schliesslich bekam er eine Menschenphobie. Er hinterfragte alles, jede Bewegung empfand er als Angriff auf ihn. Am angenehmsten war es, wenn er alleine war. Er brach alle Kontakte ab und verbrachte Stunden allein im Zimmer. Seine Freundin stellte ihn zur Rede. Er vertraute sich ihr und auch seinen besorgten Eltern an. Aber sie konnten ihm nicht helfen.

Lethargisch herumgeschleppt
Um die Psychose zu vergessen und sich entspannen zu können, trank er mehr Alkohol als je zuvor. Zunächst nur am Wochenende, dann über Mittag an der Arbeitsstelle. Die Freundin warnte ihn, er ignorierte dies. Im darauffolgenden Jahr wurde es ihm und seiner Freundin zu viel. Sie trennten sich. Er suchte Hilfe bei einem Psychologen, fühlte sich aber von diesem nicht verstanden. Während eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik bekam er beruhigende Medikamente. Sein Denken war stark eingeschränkt, er schleppte sich lethargisch herum, kam sich gefühllos vor und hatte keinerlei Antrieb. Die Symptome gingen zurück, verschwanden aber nicht ganz. Nach zwei Monaten hatte er den Eindruck, dass er das Leben wieder meistern könnte.

Wahnideen
In den Monaten danach ging es ihm erstaunlich gut, obwohl der Alkohol sein täglicher Begleiter war. Er wurde selbstsicherer und unternehmungslustig. Ein viertel Jahr später zeichnete sich der nächste Tiefschlag ab. Er kämpfte wieder mit Wahnideen und Realitätsverlust. Wieder kam er in die Psychiatrie und liess sich auch beim Blauen Kreuz wegen seiner Sucht behandeln. Er durchlebte einen Entzug und konnte drei Monate lang auf Alkohol und Drogen verzichten. Dominik  war fest entschlossen damit aufzuhören. Aber es kam ein Rückfall, und er rutschte tiefer denn je. „Es war schlimmer als vorher“, unterstreicht der inzwischen 19-jährige junge Mann. „Ich nahm Kokain, Amphetamine und Ecstasy, wollte alles vergessen.“ Trotz allem konnte er seine Lehre fortsetzen. „Die Verantwortlichen drückten beide Augen zu“, staunt Dominik. Der Ausbildungsverantwortliche drängte ihn, etwas zu unternehmen. Schliesslich war das Urteil gefällt: Sein Vertrag sollte beendigt werden. Aber sein Lehrmeister setzte sich für ihn ein und gab ihm über ein Wochenende Bedenkzeit. „Ich entschied mich, mit der Lehre weiterzumachen und setzte die Antidepressiva und andere Medikamente ab.“ An diesem Wochenende merkte Dominik, dass alles am seidenen Faden hing. Schliesslich schloss er im Sommer 2008 die Lehre doch noch erfolgreich ab.

Die Wende
Immer wieder wollte er mit dem Alkohol- und Drogenkonsum aufhören, aber er fand Ausreden und belügte sich selbst. Er betrank sich und fragte sich nach dem Rausch, was der Sinn dahinter ist. Er fühlte sich leer. Er stellte sich vor, wie es wäre, frei zu sein. An einem Samstagmorgen – Dominik  weiss das Datum wie sein Geburtstag, der 3. Januar 2009 – stieg er aus dem Bett und wusste, dass heute der Zeitpunkt zum Aufhören sei. Er setzte sich hin und steckte sich Ziele. „Seit diesem Tag bin ich clean“, bemerkt Dominik  mit einem breiten Lächeln.

Alte Freunde verlassen
Am Anfang war es sehr schwer, erinnert er sich. „Der Alkohol ist omnipräsent, er zog mich an, ich fühlte mich unruhig und leer. Das bewusste Sich-Ablenken empfand er als grosse Hilfe. Ausserdem suchte er sich neue Hobbys: Kartenspielen und Laufen. Auf keinen Fall wollte er nur dasitzen und sich auf Gedankenspiele einlassen. Er betont: „Der Mensch neigt dazu, sich selber auszutricksen. Ich verliess meinen alten Freundeskreis, wir hatten auch nichts mehr gemeinsam. Wenn mich der Alkohol oder Drogen wieder in den Bann ziehen wollten, rief ich bewusst die schlimmen Erlebnisse ins Gedächtnis zurück.“

Neue Ziele gesetzt
Dominik  hat sich Ziele für sein Leben gesetzt: Er möchte etwas aus seinem Leben machen, eigenes Geld verdienen und eine Familie gründen. Streetworker René Portmann hat Dominiks  Potential erkannt, als dieser noch weit entfernt war, seine Fähigkeiten zu entfalten. Es brauchte seine Zeit, bis auch Dominik sein Potential erkannte. Fest entschlossen sagt er heute: „Ich möchte meinen Mitmenschen nicht mehr zur Last fallen, sondern in dieser Gesellschaft meinen Beitrag leisten.“

* Name von der Redaktion geändert

Autorin: Beate Gsell