Ich lebte nur noch für die Drogen

Kulturelle Entwurzelung, fragwürdiger Freundeskreis, Drogenkonsum- und handel, Kriminalität, Lehrabbruch, Entzugsklinik, Suchttherapie, Wohnheim Falkennest, neue Lehre, Selbstständigkeit – wie ein Film läuft die Vergangenheit vor Ibrahim Grozdanic ab. Gern hätte er auf einige Erfahrungen verzichtet. Sie haben sein Leben zerstört, sie raubten ihm die Gesundheit, eine berufliche Perspektive und Lebensqualität. Stattdessen blieb er auf einem Berg Schulden sitzen. Aber er hat die Kurve gekriegt. Im „Falkennest“ Liestal konnte er sich stabilisieren und sich auf die Selbständigkeit vorbereiten.

Kiffen und Klauen
Die Familie Grozdanic kommt aus Bosnien und siedelte sich in Basel an. 1981 kam Ibrahim zur Welt. Nach seiner Kindergartenzeit gingen er und sein Bruder mit der Mutter nach Bosnien. Als es erste Anzeichen für einen Krieg gab, kehrten sie zum Vater nach Basel zurück. Aber Ibrahim hatte sein Deutsch verlernt, tat sich schwer, den Anschluss zu finden und kam – wie er heute sagt – mit den „falschen Kollegen“ zusammen. Er begann zu kiffen, kam abends spät nach Hause und hat hin und wieder auch etwas gestohlen. Eines Tages stieg er auf Kokain um und verübte Einbrüche. Nach dem Schulabschluss fand er eine Lehre als Elektriker, aber nach einem Jahr war bereits wieder Schluss damit: da er psychisch und körperlich süchtig geworden war, hatte ein schlechtes Zeugnis erhalten, sodass der Lehrvertrag aufgelöst wurde. Ibrahim schlug sich mit Temporärarbeitsstellen durch, verdiente etwas mehr Geld und konnte darum auch mehr Drogen konsumieren.


Verheimlichung der Sucht
Seine Eltern hatten zwar gemerkt, dass mit ihrem Jungen etwas nicht stimmt. Dass er aber drogensüchtig sei – wie ihnen jemand erzählt hatte -, konnten sie zunächst nicht fassen. Ibrahim hatte seine Sucht vor ihnen verheimlicht und sie angelogen. Auf Drängen des Vaters ging er für ein halbes Jahr zu Verwandten nach Bosnien, um Abstand zu gewinnen. Diese „Therapie“ hat geholfen. Als er 2002 wieder nach Basel zurückkehrte, traf er sich aber wieder mit seinen alten Freunden und alles ging von vorne los.

Ibrahim bedauert: „Ich habe meine neuen Ziele ausgeblendet. Ich hing herum und handelte mit Drogen, um meinen eigenen Konsum zu finanzieren. Ich wurde auch kriminell.“

Absturz und Einsicht
2006 wurde es Ibrahim zu viel. Er kam zur Einsicht: „Ich lebte nur noch für die Drogen.“ Er war an einem Punkt angekommen, wo er bereit war, eine Entziehungskur zu machen. Nach zwei Monaten wurde er aus der Klinik entlassen und bekam Kontakt zu einem Suchtberater, wo er ambulant eine Therapie fortführte. Der Berater konnte ihm eine Lehrstelle vermitteln. Aber zwei Monate vor Beginn stützte Ibrahim ab. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und hatte Drogen konsumiert. „Aber ich habe meinen Fehler schnell eingesehen“, äussert er. Wieder kehrte er zur Entzugsklinik zurück und machte danach ein Jahr lang eine stationäre Suchttherapie. Dank des Entgegenkommens des Lehrmeisters konnte er mit einem Jahr Verspätung die Lehre zum Metallbauer 2008 beginnen. Stabilisierung
„Ich war nicht sicher, ob ich allein leben kann“, räumt Ibrahim ein. Da machte ihn sein Suchtberater auf die Wohngemeinschaft Falkennest aufmerksam. Mit Sack und Pack zog er am 16 Juni 2008 in der Rheinstrasse ein. Ursprünglich wollte er nur ein halbes Jahr bleiben, aber nach sechs Monaten fühlte er sich noch nicht gefestigt. Auch administrative Dinge, wie Behördengänge und Schulden abtragen, waren noch nicht abgeschlossen. So blieb er noch ein halbes Jahr. Genau ein Jahr später auf den Tag genau am 16. Juni 2009 konnte er in eine eigene Wohnung umziehen.

Begleitung
Bei Gelegenheit schaut Ibrahim noch im „Falkennest“ vorbei, denn er hatte dort ein Jahr lang nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch eine sozialpädagogische Begleitung. Neben dem individuellen Coaching wurde beim wöchentlichen Gruppenabend das Leben in der Gruppe reflektiert, der Haushalt organisiert und gemeinsame Unternehmungen geplant. Die Mitarbeitenden halfen ihm, einen neuen Weg einzuschlagen. Inzwischen hat er sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut und ist zuversichtlich, dass er in zwei Jahren seine Lehre abschliessen wird.

22.9.2009